115 Jahre Familienbesitz

Heinrich Bremer (ca. 1965)

1902 bis 2017 – 115 Jahre Familienbesitz

Zum 1. September 1902 übernahm der Großvater der heutigen Inhaberin Heide Koller-Duwe, Heinrich Bremer, die Buchhandlung Friedrich Schaumburg. 115 Jahre später sind wir stolz, ein Teil der langen Geschichte dieses Unternehmens zu sein. Anlässlich des 175jährigen Bestehens der Buchhandlung im Jahre 2015 wurde eine Ausstellung mit dem Titel „Die Buchhandlung Schaumburg in 175 Objekten“ gezeigt.

Bei der Ausstellungseröffnung im September 2015 wurden einzelne Objekte vorgestellt, so auch die Übernahme-Inventur aus dem Jahre 1902.

Lesen Sie hier den gesamten Text:

„Stade, Oktober 1902

Hierdurch beehren wir uns, Ihnen mitzuteilen, daß wir die Buch- und Musikalienhandlung des verstorbenen Herrn Fr. Schaumburg am 1. September d. Js. an dessen langjährigen Mitarbeiter, Herrn H. Bremer aus Stade, ohne Aktiva und Passiva verkauft haben.

Gleichzeitig erlauben wir uns, einen Rechnungsauszug über die bis 31. August d. Js. gelieferten Bücher etc. vorzulegen, mit dem Bemerken, daß die Zahlungen nach wie vor von der Schaumburgschen Buchhandlung entgegen genommen werden.

Indem wir für das der Firma in so reichem Maße bewiesene Vertrauen verbindlichst danken, bitten wir, dasselbe auch auf den jetzigen Inhaber übertragen zu wollen, welcher das Geschäft unter der bisherigen Firma in unveränderter Weise fortführen wird.

Hochachtungsvoll

Fr. Schaumburgs Erben.“

 

Als Friedrich Wilhelm Schaumburg, der Sohn des Firmengründers, am 2. April 1902 im Alter von 58 Jahren starb, hinterließ er keine Kinder, aber er beschäftigte mit Heinrich Bremer einen Gehilfen, den er selbst ausgebildet und dem er die Buchhandlung während seiner zahlreichen Kuraufenthalte wiederholt anvertraut hatte. Der 23jährige Bremer wagte den Schritt, Haus und Geschäft ohne eigene Mittel zu erwerben. Woher nahm er den nötigen Optimismus?

Zum Teil lagen die Gründe in seiner Persönlichkeit und der Erfahrung, die er sich bereits in so jungen Jahren erarbeitet hatte, aber der Zukunftsglaube war auch Zeichen der Zeit. Man hatte gerade eine Jahrhundertwende erlebt, mit der enorme Hoffnungen verbunden waren. In der Wissenschaft überschlugen sich Entdeckungen, wie Quantentheorie und Röntgenstrahlen, und technische Erfindungen, wie Elektrizität, Automobil, Telefon, Kino, Schallplatte und Schnellpresse, revolutionierten das tägliche Leben. Mit Sigmund Freuds „Traumdeutung“, einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts, das 1899 erschienen, aber auf 1900 vordatiert war, hielt die Psychoanalyse Einzug in das Denken. Es „brodelte“ regelrecht, und auch Literaten, bildende Künstler und Komponisten begaben sich auf die Suche nach neuen Ausdrucksformen. Was für ein Zeitpunkt für den Schritt in die Selbständigkeit!

Die Übernahmeinventur besteht aus einem Heft im Großquartformat mit blauer Pappdecke. Auf dem leuchtend grünen Etikett steht unterstrichen „Inventur August 1902“. Sie umfasst 28 Seiten auf 14 linierten Blättern, von denen sich einzelne aus der Fadenheftung gelöst haben. Die Aufstellung in deutscher Kurrentschrift, notiert in kleinen Schriftzügen mit schwarzer Tinte, die nicht von der Hand Bremers stammen, führt das gesamte Lager mit Menge, Kurztitel und Preis auf, untergliedert in einzelne Rubriken.

Auffällig ist der große Bestand an Schulbüchern und fremdsprachlicher Literatur, darunter griechische und römische Klassiker, sowie die Breite im Fach- und Sachbuch mit Bereichen, wie Pädagogik, Religion/Theologie, Jurisprudenz, Landwirtschaftlicher Gartenbau und Tierheilkunde. Allein von dem berühmten Kochbuch von Davidis sind 18 Exemplare gelistet. Einen bemerkenswerten Umfang nehmen auch die Liederbücher und Musikalien ein.

Zum Teil wird nach Ausstattung gegliedert, beispielsweise „Gebundene Bücher“ und „Prachtausgaben“, zum Teil nach Reihen, so „Reclam’s Universalbibliothek“ - mit Preisen von 45 Pfennig aufwärts. Man stößt auf Bewertungen, wie „neu“, „alt“ und „wertlos“ und auf kennzeichnende Zusätze, etwa Verlagsangaben, so Bertelsmann, Cotta und Thienemann. Und es gibt Entdeckungen, die eine Brücke in unsere heutige Zeit schlagen: Bei den Bilderbüchern findet sich „Die Struwwelliese“ von Lütje, das Gegenstück zum „Struwwelpeter“, das gerade 2011 als Reprint bei Esslinger neu aufgelegt wurde.

Welche Autoren aber vertraten die moderne schöngeistige Literatur, - die Belletristik, die Lyrik? Nehmen wir zum Beispiel Rilke, der im Sommer 1902 von Worpswede nach Paris abgereist war, um im September, dem ersten Monat von Heinrich Bremers Selbständigkeit zu dichten:

 

„Herbsttag“

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.